Interview mit Stefan Schumacher (Teil 2)

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Stefan Schumacher leitet den Hof seiner Familie in Emtinghausen. Dort leben 3 Generationen auf dem Hof der seit 15 Jahren ökologische Landwirtschaft betreibt und mittlerweile zum Demeter-Verband gehört. Im ersten Teil den Interviews berichtet Stefan vom Leben und Arbeiten auf dem Hof. Im folgenden Teil erklärt der studierte Landwirt die Zusammenhänge und Hürden, welche die ökologische Landwirtschaft mit sich bringen kann.

Oecotop: Man sagt ja „Bio“ ist in der Gesellschaft angekommen. Andere sprechen vom Bio-Boom. Wo siehst du denn jetzt die Gefahren, wenn der Ökolandbau quasi explodiert?

Stefan: Wir werden nie in der Lage sein, Lebensmittel so, in der Menge und Masse zu erzeugen, damit sie in allen Supermärkten so feilgeboten werden können, wie das die Supermärkte gern hätten. Ich denke, wenn man wirklich darauf Wert legt, muss man halt einfach schauen, wo sind Produzenten und wer sind diese Produzenten. Man muss die Nähe zu seinem Laden wirklich suchen. Man kann nicht davon ausgehen, dass in einem großen Supermarkt die Ware wirklich regional ist. Sie kann nur zu einem ganz kleinen Teil regional sein, das ist nicht anders möglich.

Oecotop: Wollen wir das Ganze mal positiv umdrehen. Wo siehst du denn die Chance für die Ökolandwirtschaft, wenn sie den Weg nicht in die Massenproduktion gehen kann und will?

Stefan: Die Chancen liegen dort, wo das, was wir regional nennen, auch weiterhin bedient wird. Das heißt, dass wir für das, was der Bauer um die Ecke produziert, auch faire Preise brauchen. Die müssen beim Landwirt ankommen, damit es sich für ihn lohnt, auch Lebensmittel in kleineren Mengen zu produzieren.

»Man muss schauen, wo gibt es noch den regionalen Naturkost- fachhandel, der uns unterstützt.«

Das heißt, dass man dann schauen muss, wo gibt es noch den regionalen Naturkostfachhandel, der uns unterstützt, den regionalen kleinen Bioladen oder den Wochenmarkt. Man muss schauen, dass man seinen Laden des Vertrauens findet, der nicht in dieser Größe gewachsen ist oder der versucht, allen Kunden gerecht zu werden.

Oecotop: Der Preis ist natürlich ein Riesenproblem in unserer Gesellschaft. Einerseits muss alles möglichst günstig sein, gleichzeitig aber in höchster Qualität produziert werden. Wer davon leben soll, wird selten gefragt.

Stefan: Vom Apfel bis zur Zitrone werden alle saisonalen Obst- und Gemüseprodukte mit Saisonarbeitskräften erzeugt. Da wurde noch nie annähernd ein Mindestlohn gezahlt. Jetzt haben wir den Mindestlohn, aber den größten Teil vom Jahr kommen unsere Lebensmittel garnicht aus Deutschland. Das geht auch nicht! Das, was am meisten verzehrt wird, sind Gurken, Tomaten, Paprika, und die kommen zu mindestens drei Vierteln des Jahres aus dem Ausland und müssen dort herkommen, weil sie hier nicht wachsen können.

Das ist ganz einfach. Ich kann maximal 2,5 Monate pro Jahr Gurken produzieren, länger geht nicht. Das heißt also, auch weiterhin werden unsere Lebensmittel überwiegend ohne Mindestlohn im Ausland produziert. Natürlich konkurrieren wir dann in der Saison auch mit den Preisen. Immer dann, wenn die Saison anfängt, gehen die Preise runter, und im Winter gehen sie wieder hoch. Aber das bleibt meistens beim Importeur hängen. Das hat auch seine Gründe, die Preise müssten vielleicht sogar noch teurer sein, damit korrekte Löhne bezahlt werden können. Und hier ist es in der Saison eben so, dass es ganz schnell zu viel Ware gibt. Das heißt also, der Bereich für den Bio-Fachhandel, der ist sehr sensibel.

Oecotop: Jetzt müsste man vielleicht fragen, wie die Politik da helfen kann, oder wo sie blockiert.

Stefan: Je mehr Politik im Spiel ist, umso gefährlicher ist das. Ich glaube etwas mehr an den freien Markt als an einen regulierten Markt. Und überall dort, wo jemand produzieren kann, wird er das machen. Und wenn er gut ist, wird er auch existieren können. Man kann jemandem, der das nicht richtig kann, auch nicht dauerhaft über die Runden helfen. Ich denke, dass die rechtlichen Grundlagen wichtig sind. Also, es gibt eine EU-Verordnungen, die werden festgelegt. Das ist wichtig, damit wir alle vom gleichen reden, damit zum Beispiel die Anbaubedingungen in Deutschland und in Italien gleich sind.

Aber wenn die Politik Vorgaben erlässt, ist ja immer die Frage, woher hat sie ihre Informationen und welche Lobbygruppen stecken dahinter. Bei vielen Aktionen kann man vermuten, dass auch die Lobby der Lebensmitteleinzelhändler konventioneller Herkunft ist. Das ist müßig, weil es unseren Beruf erschwert, während in anderen Betrieben ganz andere Handlungsspielräume herrschen. Das ist so.

Oecotop: Wird sich denn dein Hof weiter in dieser Zweigleisigkeit, Gemüseanbau und Schweinemast, weiterentwickeln, oder wirst du andere Richtungen einschlagen?

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Stefan: Das kann ich auch nicht sagen. Aber ich vermute stark, wenn wir zehn Jahre weiter gucken, kann es sicher zu grundlegenden Veränderungen kommen. Wir machen das ja jetzt mit zwei Familien, und ich habe schon öfter den Versuch unternommen, eine weitere Familie zu gewinnen, die mit am Betrieb teilhat. Aber das scheitert immer noch an den Punkten, dass man halt keine geregelte Arbeitszeit hat, keine festen Vorgaben, was Urlaub oder so anbelangt. Im Sommer ist Saison, da ist Urlaub immer schwierig.

Und es könnte gut sein, wenn mein Vater den Teil, den er jetzt vom Betrieb macht, nicht mehr möchte, dass ich das nicht… ich kann nicht alle Bereiche ausfüllen. Ich würde mich dann auf den Gemüseanbau und die Gemüsevermarktung spezialisieren. Aber so weit gucke ich noch gar nicht. Es geht gedanklich immer mal darum, aber das hängt ja auch vom Nährboden ab, selbst gesund bleiben und so weiter..

Oecotop: Stefan, möchtest Du noch etwas loswerden?

Stefan: Da war noch ein wesentlicher Punkt, der für mich ganz wichtig ist: Warum überhaupt ökologisch… Also, jetzt gerade ist es ja aktuell Thema und wir reden viel von Flüchtlingen und Flüchtlingsströmen. Mein Aufenthalt in einem Land, wo es den Menschen eigentlich an allem mangelt, hat mich damals sehr bewegt.

»Da können wir was machen, denn alle anderen Strukturen lassen diese Menschen erst recht zu Flüchtlingen werden.«

Unsere Idee war, dass wir in den Ländern helfen, sich zu entwickeln. Da war für mich aber sehr schnell klar, dass wir eigentlich auch hier Entwicklung nötig haben. Und zwar in der Form, dass wir hier anfangen, Lebensmittel zu erzeugen, die klimaschonend produziert werden, und Rücksicht auf die Menschen in anderen Ländern nehmen. Und genauso ist es eben auch wichtig, dass die Lebensmittel, die wir von dort kriegen, auch ökologisch produziert sind. Alle Konsumgütern, die wir gerne zu uns nehmen – Kaffee, Tee, Kakao, Bananen – die bedingen in den Lebensumständen der Menschen dort unheimliche Einschränkungen. Und gerade diese ganzen Produkte, die wir von dort kriegen, die müssen unbedingt ökologisch erzeugt werden! Nur das gibt den Menschen dort überhaupt die Möglichkeit gibt, sich zu entwickeln, und den Kindern, in einer Umwelt aufzuwachsen, wo sie auch vielleicht mal sagen „da möchte ich auch zuhause bleiben“. Da können wir was machen, denn alle anderen Strukturen lassen diese Menschen erst recht zu Flüchtlingen werden.

Oecotop: Danke Stefan, für Deine Zeit und das Gespräch!

Das Gespräch mit Stefan Schumacher führte Dieter Vogt-Miska, Oecotop-Mitbegründer und Inhaber des Oecotop Schwachhausen am 13.05.2015 auf dem Hof Schumacher.

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